Mauern lassen sich nicht nur aus Steinen bauen, sondern auch aus Wörtern. Das mag befremdlich klingen, weil sie nichts Greifbares sind – doch Wörter können genauso viel. Sie können Mauern bauen, die keiner durchbricht und Gräben ziehen, die keiner überquert. Und am Ende können sie alles wieder einreissen. Jeden Tag lenken Wörter unseren Blick. Mal bewusst, mal ohne es zu merken. Aber was bedeutet das genau?
Im Deutschunterricht haben wir uns in den letzten Wochen mit der Frage beschäftigt, wie Sprache unsere Wahrnehmung der Welt beeinflusst. Ausgangspunkt war dabei die sogenannte sprachliche Relativitätstheorie, die besagt, dass unsere Wirklichkeit nicht einfach objektiv ist, sondern durch Sprache mitgeprägt wird. Die Art, wie wir etwas nennen, lenkt unsere Aufmerksamkeit auf bestimmte Dinge. Anderes übersehen wir dann leichter. Nehmen wir als Beispiel das Wort «Nebel». Sofort denken wir an verschwommene Konturen und schlechte Sicht. Uns fällt erst beim zweiten Gedanken auf, dass Nebel auch die Luft befeuchtet und Geräusche dämpft – weil wir kein eigenes Wort für diese Eigenschaften des Nebels haben.
Um dieses Phänomen genauer zu verstehen, haben wir uns mit der Semantik beschäftigt, also mit der Bedeutung von Wörtern. Dabei wurde deutlich, dass diese Bedeutungen nicht fest sind. Wörter sind mit anderen Begriffen verknüpft und lösen beim Hören oder Lesen automatisch Assoziationen und Vorwissen aus. Ein einzelnes Wort aktiviert also nicht nur seine direkte Bedeutung, sondern auch verwandte und emotionale Vorstellungen.
Ein wichtiges Modell dafür sind sogenannte Frames. Das sind mentale Strukturen in unserem Kopf, die typische Situationen ordnen. Sie helfen uns, die Welt schnell zu verstehen, indem sie vorhandenes Wissen abrufen und Erwartungen wecken. Wenn wir ein Wort hören, ruft das mehr als nur die Bedeutung auf. Es weckt viele Vorstellungen, die zusammenhängen – und die lenken, wie wir etwas verstehen. Auf dieser Grundlage haben wir das Konzept des Framings kennengelernt. Framing bezeichnet den Prozess, bei dem Informationen bewusst oder unbewusst in einen bestimmten Deutungsrahmen eingebettet werden. Dadurch wird beeinflusst, wie ein Sachverhalt wahrgenommen und bewertet wird. Ein Beispiel findet sich im Bereich Umwelt und Politik: Dasselbe Thema wird unterschiedlich bezeichnet, etwa als «Klimaschutz» oder als «Klimakrise». «Klimaschutz» lenkt die Aufmerksamkeit auf Handlungsmöglichkeiten, also was man tun könnte, um das Klima zu schützen. «Klimakrise» dagegen ruft ein Gefühl von Dringlichkeit und Bedrohung hervor. Beide Begriffe beziehen sich auf ähnliche Sachverhalte, lenken die Wahrnehmung aber in unterschiedliche Richtungen. Genau das macht Framing aus: Die Wahl der Wörter beeinflusst, wie wir ein Thema einordnen und bewerten.
Ein zentrales Mittel des Framings sind Metaphern. Eine Metapher überträgt ein Wort von einem Bereich auf einen anderen. Nehmen wir als Beispiel das Wort «Keim». Wenn jemand sagt, in einer Gruppe habe sich ein «Keim des Misstrauens» ausgebreitet, dann wird der Frame von «Krankheit» oder «Wachstum» aktiviert. Wir denken sofort an etwas Kleines, das erst unsichtbar ist, dann aber wächst, sich ausbreitet und jeden infiziert. Genau daran sieht man, wie Metaphern unser Verständnis lenken: Sie rufen bestimmte Bilder hervor und beeinflussen so, wie wir etwas einordnen.
Im Unterricht haben wir auch gelernt, dass die Bedeutung von Wörtern nicht fest ist. Wörter verändern sich durch ihren Gebrauch. Sie bekommen ihre Bedeutung erst dadurch, wie Menschen sie verwenden. Die Bedeutung eines Wortes wird dabei immer wieder bestätigt oder leicht verschoben. Dadurch kann es auch passieren, dass problematische Sachverhalte durch beschönigende Wörter verharmlost werden. Wenn wir zum Beispiel nicht mehr von «Mitarbeiter entlassen» sprechen, sondern von «Personal anpassen», dann klingt das weniger hart. Der schwierige Sachverhalt bleibt aber derselbe. Sprache ist also nicht nur ein neutrales Werkzeug, um die Wirklichkeit zu beschreiben. Sie gestaltet die Wirklichkeit aktiv mit.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Sprache beeinflusst unser Denken auf viele Arten. Durch Frames und gezieltes Framing werden Bedeutungen erzeugt, verstärkt oder verändert. Diese Mechanismen laufen oft unbewusst ab. Aber sie haben einen grossen Einfluss darauf, wie wir die Welt sehen.

Im zweiten Teil möchte ich das Konzept des Framings auf ein Beispiel aus der Musik anwenden, nämlich auf den Song „Mauern aus Granit“ von Ness. Der Song zeigt, wie Sprache gewisse Gefühle beschreibt und wie Wörter bestimmte Bilder im Kopf entstehen lassen.
Die wichtigste Metapher steht schon im Titel: «Mauern aus Granit». Dabei handelt es sich um keine echte Mauer, sondern um einen emotionalen Schutzmechanismus. «Mauer» steht für Schutz und Abgrenzung, «Granit» verstärkt die Vorstellung von Härte und Stabilität. Dadurch entsteht ein Bild von jemandem, der sich stark verschliesst und für andere schwer erreichbar ist. Genau hier wird ein Frame aktiviert: Wir verbinden Mauern automatisch mit Distanz und Schutz.
Im Refrain heisst es:
«Ich will, dass mich keiner sieht, bau’ mir Mauern aus Granit. Sind zu hoch und viel zu tief und keiner kommt rein.»
Diese Worte verstärken die emotionale Distanz. Wörter wie «zu hoch» und «viel zu tief» zeigen, dass die Mauern fast unüberwindbar wirken. Auch der Pre-Chorus: «Tiefe Gräben, keiner kommt und keiner geht» vervollständigen das Bild. Gräben verstärken das Gefühl von Distanz und Trennung.
Der Song verändert diesen Eindruck jedoch im Verlauf:
«Hab’ gedacht, sie stehen stabil, doch du stürzt sie ein.»
Zuerst wirkt die Mauer stabil und unüberwindbar, dann zeigt sich, dass sie doch durchbrochen werden kann. Die Sprache erzeugt also erst ein Bild von starker Distanz und verändert es dann wieder. Der ursprüngliche Frame wird damit wieder gebrochen.
Auch die Zeile: «Ist die Dunkelheit mit dir nur eine andre Form von Licht» zeigt, dass Bedeutungen nicht unbedingt fix sind. Dunkelheit wird normalerweise negativ gesehen, doch hier verändert es sich. Mit der anderen Person ist sie nicht mehr bedrohlich, sondern verwandelt sich in etwas Helles. Sie wird zu etwas Positivem. Die Mauern aus Granit wirken plötzlich doch nicht unzerstörbar. Die Frames im Lied sind flexibel: Sie verändern sich je nach Beziehung, Situation und Kontext.
Auch das Bild greift dieses Prinzip auf. Die Post-its auf dem Spiegel zeigen innere Gedanken wie «Bleib lieber vorsichtig» oder «Ich glaube dir nicht». Diese Sätze stehen für Frames, die sich durch Erfahrungen bilden und unser Verhalten beeinflussen. Der Spiegel macht dabei sichtbar, was der Song in Sprache fasst: Diese Mauer ist kein Stein, sondern ein Konstrukt aus Wörtern und Bedeutungen – und dahinter ist jemand, der sich nur schützen will.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass «Mauern aus Granit» sehr deutlich zeigt, wie Sprache Gefühle formt. Durch die gewählten Wörter entstehen sofort bestimmte Bilder im Kopf, die die emotionale Distanz der Person erklären und verstärken. Gleichzeitig zeigt das Lied, dass Bedeutungen nicht feststehen: Frames sind flexibel und wandeln sich, wenn sich die Situation oder Beziehung ändert. Damit zeigt sich, dass Musik – genauso wie Texte in Medien oder Alltagssprache – Frames nutzt, um Gefühle oder Handlungen zu erklären und zu gestalten.