Das Fenster, das sie immer öffnet und schliesst. Die Maske, die er sich selbst aufgesetzt hat. Zwischen Christines Ritualen und Arthurs Wahnsinn liegen 150 Jahre – doch haben sie etwas gemeinsam. Der Verlust der eigenen Identität.
Dieser Blog zeigt, wie Identitätsverlust im traditionellen Erzählen des 19. Jahrhunderts indirekt dargestellt wird und wie derselbe innere Konflikt in der modernen Popkultur inszeniert wird.

Identitätsverlust im traditionellen Erzählen
Im Deutschunterricht haben wir uns mit der literarischen Epoche des poetischen Realismus auseinandergesetzt. Diese literarische Strömung des 19. Jahrhundert versucht, die Wirklichkeit nahe und wahrhaftig abzubilden, allerdings auf eine künstlerisch Weise. Ein zentrales Merkmal ist die indirekte Darstellung innerer Zustände: Statt Gefühle oder Konflikte offen auszusprechen, werden sie durch Handlungen, Details und Symbole angedeutet. Als Beispiel diente uns Theodor Storms Novelle «Ein Doppelgänger». Die Geschichte wird von einem auktorialen Erzählen, einem Advokaten, erzählt, der Jahre nach den Ereignissen das Schicksal des Arbeiters John Hansen (genannt Glückstadt) rekonstruiert. Seine tragische Lebensgeschichte ist eingebettet in die Rahmenerzählung eines Besuchs des Advokaten bei John Hansens erwachsener Tochter Christine und ihrem Mann, dem Oberförster.
Im Unterricht analysierten wir die unterschiedlichen Figuren, darunter auch Christine. Auf den ersten Blick wirkt sie ruhig, fast verschlossen. Doch bei genauerem Lesen wird klar, dass ihr Verhalten auf einen Identitätsverlust hindeutet. Um dieses Phänomen genauer zu verstehen, hilft die Theorie des Soziologen George Herbert Mead. Mead beschreibt die Identität (das «Self») als Ereignis eines ständigen Dialogs zwischen zwei Teilen: dem «Me» (den Erwartungen und Rollen der Gesellschaft) und dem «I» (dem individuellen Teil, der den Mensch ausmacht). Ein Identitätsverlust entsteht, wenn dieser Dialog abbricht und das «I» und «Me» nicht mehr in Einklang gebracht werden können.
Genau dieser Bruch findet bei Christine statt. Ihr «Me» ist das Bild der Frau eines Oberförsters, welches die Gesellschaft von ihr erwartet. Ihr «I» jedoch ist zerrissen von den widersprüchlichen und traumatischen Erinnerungen an ihre Herkunft und Vergangenheit: Sie ist geprägt von einer gewaltvollen Kindheit, Armut und gesellschaftlicher Ausgrenzung. Diese Erfahrungen haben dazu geführt, dass sie Teile ihrer Erinnerung verdrängt hat. Besonders in Bezug auf ihren Vater existieren widersprüchliche Erinnerungen: Einerseits erinnert sie sich an einen gewalttätigen Mann, vor dem sie sich verstecken musste, andererseits an einen gütigen Vater nach dem Tod ihrer Mutter. Diese beiden Seiten – die Gegenwart und die verdrängte Vergangenheit – drifteten so weit auseinander, dass keine stabile Identität mehr entstehen kann.
Ihr Identitätsverlust zeigt sich nicht in klaren Worten oder psychologischen Analysen, sondern in ihrem Verhalten. Wiederkehrende Handlungen wie das Füttern der Tauben oder das Flechten von Kränzen wirken auf den ersten Blick unbedeutend, haben jedoch eine stabilisierende Funktion. Diese Handlungen wirken wie ein Schutzmechanismus, um die bedrohlichen Erinnerungen fernzuhalten. Auch die räumliche Umgebung unterstützt diese Form des Identitätsverlusts: Das abgeschiedene Forsthaus, umgeben von Wald, ist gleichzeitig ein Schutzraum und ein Gefängnis. Ihr Mann, der Oberförster Franz Adolf, beschützt sie, schirmt sie aber auch vor allem ab, was ihre Vergangenheit und somit ihre Erinnerungen wieder aufwühlen könnte. Storm zeigt Identitätsverlust hier nicht als lauten Zusammenbruch, sondern als stille Verdrängung.
Das eingefügte Bild mit den zwei Stühlen zeigt genau diesen Identitätsbruch symbolisch. Der gerade Stuhl steht für das gesellschaftlich angepasste "Me", während der gekippte Stuhl das verdrängte und aus dem Gleichgewicht geratene "I" repräsentiert. Der schmale Spalt im roten Vorhang verstärkt diese Deutung zusätzlich: Er verweist auf den inneren Riss in Christines Identität sowie auf das Verborgene, das sich dahinter verbirgt.
In «Ein Doppelgänger» und auch im poetischen Realismus wird Identität als etwas Fragiles gezeigt, das durch gesellschaftliche Umstände, Gewalt und vor allem durch Schweigen und Verdrängung beschädigt werden kann. Die wahre Tragödie spielt sich im Verborgenen ab und muss vom Leser erst selbst entschlüsselt werden.
Vom verborgenen Leiden zur Explosion im Kino
Während der poetische Realismus Gefühle nur andeutet, wählt die moderne Popkultur oft einen direkten Zugang. Ein extremes Gegenstück zu Christines stiller Zerrissenheit findet sich in der Figur des Arthur Fleck aus dem Film «Joker» (2019). Der Film erzählt die Entstehungsgeschichte des berühmten Batman-Gegenspielers als eine Tragödie: Arthur, ein psychisch kranker Kleinkünstler, wird von seinem Vater im Stich gelassen, von der Gesellschaft verspottet, vom Staat fallengelassen und seine Mutter stirbt. Sein Weg führt von Verzweiflung zu einen gewalttätigen Wahnsinn und zur Erfindung seiner neuen Identität als «Joker».
Hier lässt sich die Theorie von George Herbert Mead erneut anwenden. Auch bei Arthur Fleck driftet das «I» (sein empfindsamer, künstlerischer und nach Anerkennung suchender Teil) und das «Me» (der von der Gesellschaft verspottete und komisch lachende "Versager") auseinander. Während Christines Identitätsverlust jedoch im Rückzug und der Verdrängung endet, führt derselbe Konflikt bei Arthur zu einer äusseren Explosion. Arthur übernimmt die gesellschaftliche Meinung über sich selbst und macht dieses fremdbestimmte «Me» zum Kern seiner neuen Identität. Sein ursprüngliches «I» gibt er auf und ersetzt es durch die Figur des Jokers.
An dieser Stelle lässt sich erneut auf das eingefügte Bild zurückgreifen. Während bei Christine der umgekippte Stuhl das verdrängte «I» symbolisiert, das von einem stabilen «Me» überdeckt wird, kippt dieses Verhältnis bei Arthur vollständig. Er richtet das fremdbestimmte «Me» gewissermassen auf und macht es zu seinem neuen «Self». Der Spalt im Vorhang kann hier als Symbol für den radikalen Bruch zwischen altem Selbst und neuem Joker-Selbst gelesen werden.
Diese Verschiedenheit spiegelt sich in der gesamten Erzählweise. Während Christines Identitätsverlust sich in Gewohnheiten und Erinnerungslücken verbirgt, wird Arthurs psychischer Zusammenbruch mit allen Mitteln des modernen Kinos explizit und unmittelbar dargestellt. Subjektiven Kameraeinstellungen, Nahaufnahmen seiner verzerrten Mimik und quälende Lachanfälle machen seinen Schmerz körperlich spürbar. Während Storms Erzähler auf Distanz bleibt und uns Christines Innenwelt nur durch ihr Verhalten erschliessen lässt, bringt uns «Joker» in die Perspektive des Protagonisten.
Auch die Rolle der Gesellschaft wird in beiden Werken auf unterschiedliche Weise inszeniert. In Christines Fall hilft die Gesellschaft – verkörpert durch den fürsorglichen, aber beschützenden Oberförster – bei ihrer Verdrängung. Ihr Trauma wird nicht durch aktive Gewalt, sondern durch Schweigen und Abschirmung am Leben erhalten. Bei Arthur hingegen wird die Gesellschaft zum Antagonisten: Jede Begegnung, ob in der U-Bahn, bei der Arbeit oder mit dem Gesundheitssystem, ist eine Demütigung. Seine psychische Zerrüttung wird durch Gleichgültigkeit und Ausgrenzung verstärkt.
Selbst bei den Symbolen zeigt sich dieser Kontrast. Christines Rituale, wie das Kranzflechten sind stille Gesten der Selbstberuhigung. Arthurs zwanghaftes Lachen dagegen ist ein unkontrollierbarer körperlicher Ausbruch, und die Maske des Jokers wird zum Symbol seiner gewaltsam erkämpften neuen Identität. Diese unterschiedlichen Erzählweisen führen zu einer grundlegend anderen Wirkung. Bei Storms indirekter Erzählmethode gibt es Ungesagtes, das einem zum aktiven Mitdenken und Interpretieren auffordert. «Joker» hingegen überwältigt mit Bildern und Ton. Die Wirkung ist weniger nachdenklich, sondern unmittelbar und erschütternd.
Damit zeigt der Vergleich, dass das Zerbrechen der Identität zeitlos ist, sich aber die Art, davon zu erzählen, gewandelt hat. Das traditionelle Erzählen stellt ihn leise und indirekt dar, modernes Erzählen laut und sichtbar. Identitätsverlust kann sowohl im Schweigen als auch in der Explosion enden.
Storm, Theodor (2021): Ein Doppelgänger. Philipp Reclam jun. Verlag GMBH, Ditzingen.
Beutler, Markus (o.J.): Epochen der deutschsprachigen Literaturgeschichte.
Joker. Regie: Todd Phillips, Warner Bros. Pictures, 2019.