Zwischen Schweigen und Wahrheit

20. Januar 2026

Auf einem Tisch liegt ein Brief. Der Umschlag ist geknickt, doch abgeschickt wurde er nie. Niemand hat darauf geantwortet, niemand wird es tun. Sicher ist nur: Solange er ungelesen bleibt, wird es keine Antwort geben. Dieser Brief steht für alles, was unausgesprochen bleibt: Entschuldigungen, Wahrheiten und Gefühle.

Bild: Ein nicht abgeschickter Brief als Symbol für unausgesprochene Wahrheiten. Foto: Keira Noll (20.01.2026)

Diese Fragen stellen sich nicht nur im wirklichen Leben, sondern auch in Franz Kafkas Erzählung «Das Urteil». Die Hauptfigur Georg Bendemann ist ein Kaufmann und steht kurz vor seiner Hochzeit. Ein Konflikt mit seinem Vater über einen Freund im Ausland eskaliert und endet damit, dass der Vater Georg zum Tod verurteilt – ein Urteil, das Georg widerstandslos akzeptiert. Dieses Ende wirkt zunächst plötzlich, doch betrachtet man Georgs Verhalten genauer, zeigt sich, wie gefährlich Selbsttäuschungen sein können.  

Georg belügt sich selbst über seine Freundschaft zu einem Mann in Russland. Er erzählt sich, sein Freund habe im Ausland keinen Erfolg gehabt und würde ihn um seine eigenen Fortschritte beneiden. Deshalb schreibt Georg seinem Freund nichts davon, obwohl er in Wirklichkeit sein Geschäft stark entwickelt hat und sich verlobt hat: „[…] jedenfalls aber hatte sich das Geschäft in diesen zwei Jahren ganz unerwartet entwickelt. Das Personal hatte man verdoppeln müssen, ein weiterer Fortschritt stand zweifellos bevor. Der Freund hatte aber keine Ahnung von dieser Veränderung.“ (Kafka, S. 49) Georg verschweigt diese Tatsachen bewusst. Er sagt sich, dass er den Freund schützen wolle – oder zumindest sich selbst – und rechtfertigt sein Schweigen damit, dass der Freund ihn ohnehin nur beneiden und sich minderwertig fühlen würde. Doch kann er wirklich wissen, wie sein Freund reagieren würde? Wahrscheinlich nicht. Georg konstruiert sich eine Geschichte, die ihm erlaubt, nicht handeln zu müssen. Seine Selbstlüge dient ihm als Schutz: Sie bewahrt ihn vor unangenehmen Gesprächen, vor Schuldgefühlen und vor einer Konfrontation. Erst seine Verlobte drängt ihn dazu, einen Brief zu schreiben. Dieser Brief wird zu einem Wendepunkt und auch zu einem Symbol. Denn bevor Georg ihn abschicken kann, tritt das Urteil seines Vaters in Kraft. Die Wahrheit, die Georg zu lange vermieden hat, holt ihn ein. Der ungelesene Brief steht für die Worte, die zu spät kommen. Kafkas Erzählung zeigt, dass Schweigen keine neutrale Handlung ist: Wer nicht spricht, entscheidet sich dennoch – oft gegen die Beziehung.

Ich habe das selbst erlebt. Ich bemerkte, dass meine beste Freundin über etwas verärgert war. Ich spürte, dass etwas zwischen uns nicht stimmte. Dennoch sprach ich sie nicht darauf an. Ich erzählte mir selbst, dass alles wieder von allein in Ordnung kommen würde, dass unsere Freundschaft stark genug sei und dass man nicht über alles reden müsse. In Wahrheit wollte ich mir ein schwieriges Gespräch ersparen. Ich hatte Angst vor Vorwürfen und einem Streit. Doch meine Bequemlichkeit hatte Folgen. Später erfuhr ich, dass sie keinen Kontakt mehr mit mir wollte, weil ich noch mit Leuten befreundet war, die sie nicht mochte. Die Auswirkung meiner Selbstlüge war klar: Ich verlor meine beste Freundin – nicht, weil ich sie nicht mochte, sondern weil ich mich selbst dazu brachte, nichts zu unternehmen. Wie Georg hatte auch ich versucht, eine unangenehme Situation durch Schweigen zu vermeiden.

Das Muster ist ähnlich: Selbstlügen wirken kurzfristig als Schutz, verhindern Konfrontation und geben uns das Gefühl von Kontrolle. Langfristig zerstören sie jedoch Vertrauen und Kontakt. Das Ansprechen wäre vermutlich weniger zerstörerisch gewesen als das Schweigen, das ich wählte. Heute frage ich mich noch immer, warum ich damals so gehandelt habe. Vielleicht dachte ich, unsere gemeinsame Vergangenheit würde alles wieder in Ordnung bringen. Oder vielleicht war ich einfach zu bequem, um mich einem schwierigen Gespräch zu stellen. Keine dieser Erklärungen ist überzeugend. Sie klingen – wie bei Georg – eher nach Ausreden.

Selbsttäuschungen scheinen zunächst harmlos. Sie schützen unser Selbstbild, vermeiden Konflikte und geben uns ein Gefühl von Sicherheit. Gleichzeitig machen sie uns blind für die Realität und verhindern ehrliche Kommunikation. Georg und ich wollten beide einer unangenehmen Wahrheit ausweichen. Die Konsequenzen waren sehr unterschiedlich – er verlor sein Leben, ich eine Freundschaft –, doch das Muster ist dasselbe: Angst erzeugt Schweigen, Schweigen zerstört Beziehung, und die Wahrheit wird verdrängt.

In «Das Urteil» kommt die Realität in Georgs Leben zurück, als sein Vater ihn konfrontiert. Das scheinbare Gleichgewicht, das Georg durch seine Geschichten geschaffen hatte, zerfällt. Die Erzählung macht deutlich: Wer zu lange schweigt und sich selbst belügt, riskiert nicht nur zwischenmenschliche Beziehungen, sondern auch den Kontakt zur eigenen Realität. Georgs Selbstbild hält der Wahrheit nicht stand.

Vielleicht liegt die wichtigste Lektion dieser Erzählung darin, den Mut zu finden, ehrlich zu sein – sowohl zu sich selbst als auch zu anderen. Der ungelesene Brief steht als Symbol für alle verpassten Gelegenheiten, für alle unausgesprochenen Worte, die wir aus Angst vor Ablehnung oder Konflikten zurückhalten.

Wir sollten uns deshalb immer wieder fragen, welche Geschichten wir uns selbst erzählen und warum. Sind sie wahr? Dienen sie der Sicherheit oder dem Schutz? Oder verhindern sie ehrliche Kommunikation und Kontakt? Meistens ist die Wahrheit nicht das, was Beziehungen gefährdet – sondern das Schweigen und die Selbsttäuschung, die wir ihr vorziehen.

Reflexionstext

Quellen